xviii.ch 5/2014: Neue Perspektiven auf Isaak Iselin / Nouvelles perspectives sur Isaak Iselin

Dem Reformdenken des 18. Jahrhunderts lieferte der Basler Isaak Iselin mit seinem vielfältigen Werk entscheidende Impulse und sicherte sich einen Platz al seiner der bedeutendsten Vertreter der Schweizer Aufklärung. Darüber hinaus fungierte er dank seiner weitgespannten Kontakte zu Protagonisten der Reformbewegungen in Deutschland und Frankreich als wichtige Drehscheibe im deutschfranzösischen Aufklärungsdenken. Diese beziehungsreiche Rolle Iselins als Inspirator und Vermittler wurde in jüngerer Zeit vermehrt auch im gesamteuropäischen Kontext untersucht. Dabei hat sich das Desiderat einer philologisch verlässlichen Textbasis als dringlich erwiesen, waren Iselins Schriften doch bislang in keiner modernen Ausgabe greifbar. Diesem Mangel kann nun die neue Auswahlausgabe von Iselins vielfältigem Wirken zu präsentieren. Mit frischem Blick auf das neu erschlossene Quellenmaterial schliessen die Beiträge kritisch an den neuesten Stand der Iselin-Forschung an.

De par son œuvre riche et variée, le Bâlois Isaak Iselin a contribué de façon décisive à façonner l’esprit de réforme du XVIIIe siècle. Il s’est ainsi octroyé une place de choix parmi les représentants des Lumières suisses. Son vaste réseau de contacts avec les acteurs des mouvements de réforme aussi bien en Allemagne qu’en France l’a érigé en importante plaque tournante des Lumières franco-allemandes. La recherche s’est penchée, depuis peu, de plus en plus sur ce rôle d’Iselin en tant qu’initiateur et médiateur en le replaçant notamment dans le contexte paneuropéen. Une telle entreprise nécessitait cependant urgemment une édition philologique fiable de ses textes – ceux-ci n’ayant jusqu’alors pas fait l’objet d’une réimpression moderne. L’édition de textes choisis des œuvres d’Iselin vient combler cette lacune. Le présent numéro saisit l’occasion offerte par la parution des deux premiers volumes de cette entreprise éditoriale pour présenter des aspects choisis de l’œuvre variée d’Iselin. Les contributions viennent s’inscrire dans la recherche actuelle dédiée à Iselin en posant un regard nouveau sur les sources fraîchement réunies.


Inhalt / Table des matières

Florian GELZER : Einleitung (→ lesen)

Sundar HENNY : Tahiti und Theorie. Zur Stellung von Ethnologie und Historie in Isaak Iselins Geschichte der Menschheit (→ lesen)

In jüngerer Zeit wurde verschiedentlich auf Isaak Iselins Pionierrolle innerhalb der Geschichtsphilosophie verwiesen: Der Basler Aufklärer habe es unternommen, Geschichte und Anthropologie zu verschränken und mithin der Kontingenz innerhalb der Philosophie Geltung verschafft. In dem vorliegenden Aufsatz wird – anhand von Iselins Umgang mit antiken Historikern und mit zeitgenössischen Reise¬berichten aus der Südsee – argumentiert, dass in praxi von einem wechselseitigen Verhältnis zwischen theoretischer Anthropologie und Empirie nicht die Rede sein kann. Geschichte und Ethnologie wurden auch vom späten Iselin nur herangezogen, um längst feststehende philosophische Visionen zu beglaubigen. Sein Hauptwerk hörte ungeachtet der darin verarbeiteten, weitläufigen Literatur nie auf, das zu sein, als was es in der Erstauflage betitelt war: Philosophische Muthmassungen über die Geschichte der Menschheit.

Lina WEBER : Isaak Iselin – ein Antiphysiokrat? (→ lesen)

Der Beitrag untersucht anhand des Versuchs über die gesellige Ordnung und kleinerer Schriften Iselins Verhältnis zur Physiokratie. Während seine Zeitgenossen Iselin als Anhänger dieser ökonomischen Bewegung wahrnahmen, bezeichnen ihn einige Forschende aufgrund inhaltlicher Abweichungen sogar als «Antiphysiokraten». Hier wird die These aufgestellt, dass Iselin eindeutig ein eidgenössischer Physiokrat war und die bisherige Forschung einen wichtigen Punkt übersehen hat: Physiokratie ist, im Gegensatz zu Merkantilismus, keine nachträgliche Beschreibungskategorie, sondern eine zeitgenössisch bewusst konstituierte Lehre. Deren Anhänger definierten sich nicht allein über gemeinsame Inhalte und Methoden, sondern auch über eine neue Sprache, den langage économique. Iselin übernahm nicht nur die Ideen seiner französischen Vorbilder, sondern bekannte sich explizit zu dieser Schule und übersetzte diese neue ‘Sprache’ ins Deutsche. Damit bilden seine Schriften ein wichtiges Moment für die Rezeption der Physiokratie im Deutschen Reich.

Marcel NAAS : « Mit einer Methode, zu welcher ein Lehrer nicht aufgelegt ist, wird er gewiß nichts ausrichten ». Isaak Iselins Ideal von Schule, Lehrern und Unterricht (→ lesen)

Iselins pädagogische Schriften reichen thematisch von Reformgedanken zur öffentlichen Schule über die Propagierung philanthropischer Lehrbücher und Privatschulen bis hin zu Vorschlägen zur Änderung der Basler Universitätsordnung. Eine als solche gekennzeichnete, kohärente pädagogische Theorie findet sich aber nicht. Der vorliegende Beitrag versucht deshalb, die in verschiedenen Texten geäusserten päd-agogischen Gedanken Iselins zu ordnen, um sein Ideal von Schule, Lehrern und Unterricht herauszuschälen. Es wird aufgezeigt, dass zentrale Ideen zwar einerseits von Gewährsmännern wie Rousseau oder Basedow stammen, andererseits aber viele Forderungen auch ein Iselin eigenes Gepräge aufweisen. So wünscht sich Iselin Lehrer, die sich durch einen respektvollen Umgangston und angemessenen Führungsstil auszeichnen und ausgehend von geeigneten Lehrbüchern einen altersgerechten, partizipativen, pragmatischen, spielerischen und rhythmisierten Unterricht gestalten.

Florian GELZER : Eine Frage des Stils. Zum Literaturverständnis Isaak Iselin (→ lesen)

Gibt es bei einem aufklärerischen Publizisten wie Isaak Iselin überhaupt so etwas wie ein Stilempfinden oder konkrete Vorstellungen von literarischer Qualität? Oder spielen solche Kategorien bei einer scheinbar allein auf Belehrung und Verständlichkeit ausgerichteten ‘Sachprosa’ keine Rolle? Um solchen Fragen ausführlich nachzugehen, genügt es nicht, sich auf Iselins einschlägige Publikationen zu beschränken. Die entsprechenden Auseinandersetzungen finden vor allem in unveröffentlichten privaten Texten statt, die erstmals ausführlich vorgestellt werden. Die eingehende Beschäftigung Iselins mit Fragen der ‘Literatur’ und ‘Literarizität’, so die These, verleiht seiner gesamten publizistischen Arbeit ihr charakteristisches Gepräge.

Gideon STIENING : « Politische Metaphysik ». Zum Verhältnis von Moral und Politik bei Isaak Iselin (→ lesen)

Isaak Iselin entwickelt seine politische Theorie in den späten 1750er Jahren auf der Grundlage vieler Bestimmungen der Philosophie Christian Wolffs. Dabei erweist sich der Schweizer Theoretiker als durchaus selbständiger Denker, der zu eigenständigen Modifikationen des politischen Wolffianismus neigte. Vor allem seine gegenüber Wolff noch radikalere Verknüpfung von Moral und Politik, die beide Formen normativer Ordnungen letztlich identifizierte, führt zu einem Modell von ‘vollkommener’ Staatlichkeit, die in der Theorie auf die Praxis der Französischen Revolution verweist.

Marie-Jeanne HEGER-ETIENVRE : Entre enthousiasme et rejet : Le Paris de Louis XV vu par le jeune Isaak Iselin (→ lesen)

Pendant son séjour parisien de mars à juillet 1752, Isaak Iselin, âgé de vingt-quatre ans, consigne scrupuleusement ses occupations quotidiennes dans un journal intime. Dans ce texte d’environ cent cinquante pages demeuré inédit jusqu’en 1919,  nous voyons, non sans surprise, le jeune étudiant bâlois dresser un tableau caustique des mœurs dépravées et artificielles de « cette étrange nation » qu’est la France et, dans le même temps, succomber aux charmes spécifiques de Paris. Pour éclairer les jugements contrastés, pour ne pas dire contradictoires, du Pariser Tagebuch, il convient de prendre en compte non seulement les circonstances particulières du voyage et la personnalité complexe de l’auteur, lequel se trouve à un moment charnière de son existence, mais encore les stéréotypes nationaux de l’époque et les débats alors récurrents sur l’utilité du Tour d’Europe.

Margaret GENNA und Lars LAMBRECHT : Die Patriotische Gesellschaft in Bern und die Anfänge der Geschichtsphilosophie. Ein Publikationsprojekt (→ lesen)

Neue Forschungsbereiche / Nouveaux champs de recherche

Rossella BALDI : Questionner la figure du médiateur : mises à jour archivistiques autour d’Élie Bertrand

Rezensionen / Recensions

Julie BONDELI : Briefe, hg. von Angelica Baum und Brigit Christensen (Elisabeth Johanna Koehn)

Heidi EISENHUT, Anett LÜTTEKEN und Carsten ZELLE (Hg.) : Europa in der Schweiz. Grenzüberschreitender Kulturaustausch im 18. Jahrhundert (Katja Barthel)

Chrétien Guillaume de Lamoignon de MALESHERBES : Voyage des montagnes neuchâteloises, éd. par Roland Kaehr et Mélanie Bart Gadat (par Michèle Crogiez Labarthe)

Hugues MARCHAl (dir.) : Muses et ptérodactyles. La poésie de la science de Chénier à Rimbaud (par Timothée Léchot)

Séverine PILLOUD : Les mots du corps. Expérience de la maladie dans les lettres des patients à un médecin du 18e siècle : Samuel Auguste Tissot (par Nahema Hanafi)

Patrick SINGY : L’Usage du sexe. Lettres au Dr Tissot, auteur de l’Onanisme (1760) (par Miriam Nicoli)


Gastherausgeber / Éditeur invité
Florian Gelzer, geb. 1972, studierte Germanistik und Anglistik in Basel une London und wurde an der Universität Bern promoviert. Er ist Mitherausgeber der Edition der Werke Isaak Iselins und arbeitet seit 2014 als Projektleiter beim Lehrmittelverlag Zürich.
Florian Gelzer, né en 1972, a fait des études de langue et littérature allemande ainsi qu’anglaise à Bâle et Londres avant de soutenir une thèse à l’Université de Berne. Il est coéditeur de l’édition des Œuvres d’Isaak Iselin et directeur de projet au sein des éditions scolaires du canton de Zurich depuis 2014.

Redaktion / Rédaction
Siegfried Bodenmann, Léonard Burnand, Jesko Reiling, Nathalie Vuillemin

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